Vortrag Siegbert Schefke - St.Josef-Gymnasium Bocholt - das Kapu

Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü:

UNTERRICHT > Fachschaften > Geschichte
Die Schülerinnen und Schüler der Jgst. Q1 und Q2 folgen konzentriert und interessiert dem gut einstündigen Vortrag von Siegbert Schefke und seiner Geschichte in und von der DDR – Bilder, die Geschichte machten

Von den Keksen der Oma im Osten und dem ersten Bier im Westen

„Ich erinnere mich noch sehr gut an die Küche meiner Oma“, eröffnete Siegbert Schefke am Freitag, dem 6. November 2015 seinen Vortrag vor allen Schülerinnen und Schülern der Jgst. Q1 und Q2 in der Kapu Aula. Schon war die Neugier der Zuhörer geweckt.
Siegbert Schefke (1954 in Eberswalde geboren) ist Zeitzeuge der Oktober- und November-Ereignisse der DDR im Jahr 1989. Wenn sein Name auch nicht direkt geläufig ist, seine Aufnahmen machten Geschichte und seine Fotos und Bilder gehören zum Gedächtnis der friedlichen Revolution von 1989.
Dem Verein "Bühne Peperoni“ und Herrn Waschki von der Stadt der Bocholt ist es gelungen, Siegbert Schefke und Stephan Krawczyk in das TextilWerk einzuladen. Bevor beide dort am Samstagabend (7. November 2015) vom „Ende der DDR“ erzählen, nahm sich Herr Schefke Zeit einen Besuch im Kapu. Schefke berichtete von seinem schulischen und beruflichen Werdegang in der Diktatur der DDR und seinem Drang nach Freiheit und Gerechtigkeit. Für unsere Schülerinnen und Schüler bestand zum Ende hin die Möglichkeit, Fragen zu stellen, die Schefke ausführlich und adressatengerecht zu beantworten wusste.
„Wisst ihr, genau wie ihr, habe auch ich zwei Omas. Eine Oma war immer da, sie lebte und wohnte wie ich in Eberswalde. In ihre Küche zu gehen und die Schubladen nach versteckter Schokolade und ihren einmaligen Keksen zu durchsuchen, das war selbstverständlich. Meine andere Oma aber sah ich nur ein Mal im Jahr, wenn sie zu Besuch kam. Sie lebte nämlich in der Nähe von Recklinghausen. Sie wohnte in Westdeutschland, in der BRD“, erzählte der heutige Journalist.
Mit 15 Jahren wurde ihm schlagartig bewusst, dass er die Küche seiner Westoma aber wohl nie nach Keksen durchsuchen werde, denn aus der DDR dürfe man erst als Rentner ausreisen, „dann, wenn man dem Staat zu alt und zu teuer werde. Wie soll ich 50 Jahre in einem Unrechtsstaat leben?“
Solche persönlichen Fragen, aber auch sich wiederholende schulische Erlebnisse prägten seine Zeit als Heranwachsender, dem der persönliche Freiheitsdrang immer wichtiger wurde. Gleichzeitig aber auch durchaus in dem Wissen, dass er sich in dem Einparteienstaat damit keine Förderer und sicher keine Freunde machte. „Mein Wunschstudium Architektur wäre nur möglich gewesen, wenn ich zuvor drei Jahre Militärdienst geleistet hätte. Wie aber sollte ich eine Grenze bewachen, an einer Mauer stehen, die ich so sehr verachte?“, fragte sich Schefke vor unseren angehenden Abiturientinnen und Abiturienten. Er lieferte gleich seine Antwort dazu: „Unvorstellbar!“
Nach seinem Schulabschluss interessierte sich Schefke verstärkt politisch. So unterschrieb er an einem Samstagabend ganz selbstverständlich auf einer Liste gegen die Stationierung von atomaren Raketen im Osten – und im Westen. Keine 48 Stunden später war er exmatrikuliert. Als ihm dann nach einer Städtereise nach Budapest bei der Rückkehr in die DDR seine dort erworbenen Bücher von Grenzsoldaten konfisziert wurden, stand für ihn immer mehr fest, wie sehr er sich in seiner Heimat gefangen fühlt, wie ungerecht das Leben in der DDR war. In dieser Zeit bereiste Schefke mit seinem Trabi weite Teile der DDR und erhielt seinen indirekten Auftrag von einer ihm unbekannten Frau in Leipzig: „Zeigt doch mal, wie wir hier in Leipzig wirklich wohnen. Zeigt doch mal, wie es in unseren Wohnzimmern wirklich aussieht.“
Davon ausgehend dokumentierte Schefke nicht nur den Zerfall Leipzigs seit Mitte der 1980er Jahre, sondern deckte auch DDR Umweltskandale auf, weil es ihm gelang, sein Bildmaterial über Diplomaten und BRD Korrespondenten in den Westen zu schleusen. „Der Spiegel“ und ARD Sendungen berichteten darüber und die DDR war zum Handeln gezwungen. Das half den Menschen in der DDR, Schefke aber nicht unbedingt. Seine Aufnahmen über den Städte- und Umweltverfall brachten ihn ins Visier des Ministeriums für Staatssicherheit. Wiederholt wurde Schefke stundenlang von Stasi Offizieren verhört. Da Schefkes Filmaufnahmen auch die DDR Bevölkerung erreichten, sah die Stasi in ihm einen der gefährlichsten Oppositionellen und Regimekritiker.
Am 9. Oktober 1989 filmten Schefke und sein Partner Aram Radomski vom Turm der Reformierten Kirche die bis dahin größte und bedeutendste Montagsdemonstration: 70.000 Bürgerinnen und Bürger der DDR gingen in Leipzig friedlich auf die Straße. Ihre Aufnahmen sind die einzigen, denn Westjournalisten hatten zu diesem Zeitpunkt keine Akkreditierungen mehr. Ihre Aufnahmen gingen um die Welt. „Unsere Bilder werden die DDR, sie werden Europa und die Welt verändern“, dachte Radomski laut in dieser Nacht. Er sollte Recht behalten. Denn es gelang Schefke diese bewegenden und so bedeutenden Bilder an den Journalisten Uli Schwarz vom „Spiegel“ zu übergeben. Mit seiner Hilfe konnten die Tagesschau und die Tagesthemen am 10. Oktober 1989 über die Leipziger Montagsdemonstrationen berichten. Keine vier Wochen später fiel die Mauer.
Die Originalkassette des Bildmaterials liege heute im Archiv des RBB und Schefkes Kamera befinde sich im Deutschen Museum, erklärte der Journalist. „Nach meiner Hochzeit und der Geburt unserer Kinder ist der 9. November 1989 der wichtigste Tag in meinem Leben“, gestand Schefke unseren Schülerinnen und Schülern.
„Was haben Sie als erstes gemacht, als Sie hörten, dass die Ausreise ab sofort gelte?“, wollte Marie noch wissen. „Wir haben von einer ganz bestimmten Kneipe in Kreuzberg gehört“, erinnerte sich Schefke noch wie gestern, „und dort wollten wir ein Mal ein Bier trinken. Also setzten wir uns in ein Taxi und sind nach Kreuzberg rüber.“ „Und wie schmeckte das Bier?“, „Es war gut gekühlt, sehr lecker, und es schmeckte nach Freiheit“, verriet Schefke mit einem Lächeln im Gesicht.
„Zehn Tage nach der Maueröffnung machte ich mich dann endlich auf den Weg zu meiner Oma im Westen. Und ich erinnere mich seitdem auch sehr gut an ihre Küche. Und ihre Kekse“, endete Schefke. Seine und unsere Neugier sowie sein Freiheitsdrang konnten also gestillt werden.

Info
Siegbert Schefke, Fernsehjournalist und Träger des Bundesverdienstkreuzes am Bande, filmte 1989 heimlich die Leipziger Montagsdemonstrationen – seine Bilder gingen um die Welt. Seine Bilder wurden in der Tagesschau vom 10. Oktober 1989 gezeigt und in den Tagesthemen von Hanns-Joachim Friedrichs anmoderiert und als Aufnahmen „von einem italienischen Kamerateam“ deklariert, um Schefke und Radomski zu schützen. Schefkes sind wesentlicher Bestandteil des Mauerfalls und der deutschen Wiedervereinigung. 2009 erhielten er, Aram Radomski und Christoph Wonneberger den Bambi in der Kategorie „Stille Helden“.
Als Zeitzeuge hält der Journalist seit vielen Jahren Vorträge in den USA sowie in ganz Europa über Zivilcourage und darüber, wie sich die Geschichte der DDR in nur einem Herbst wandelte. Schefke lebt heute mit seiner Frau und zwei Töchtern in Miami.

Sebastian Sczesny
[für die Fachschaft Geschichte]
 
Suchen
Copyright 2015. All rights reserved.
Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü